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Wir Wunderkinder – Die frühen Jahre unserer Republik” Ballade der Frauen

 

Gast Autoren Beitrag von Carl Gneist;  Autor und Theatermacher; Texter und Regisseur

Das Altenkirchener Theaterensemble THEATTRAKTION lässt in seiner neuen Revue „Wir Wunderkinder – Die frühen Jahre unserer Republik“ auch die tapferen Frauen der bitteren Nachkriegszeit zu Wort kommen, die halfen, das Wirtschaftswunder aufzubauen.

 

Carl Gneist

Ballade der Frauen

Deutschland war ein Frauenland nach dem Krieg bis weit in die Fünfziger Jahre. Auf 100 Männer kamen 170 Frauen. Fast 4 Mill. Männer waren im Krieg umgekommen. Ca 11 Mill. saßen in Gefangenschaft. Und wenn sie nach Jahren heimkehrten, waren sie oft am Ende ihrer Kräfte, viele zu Pflegefällen geworden.

Ohne die private Überlebensarbeit der Frauen beim Schlange stehen und Hamstern und auf den Trümmerbergen hätte es das folgende sogenannte„Wirtschaftswunder“ im Westen Deutschlands nicht gegeben.

Die Frauen machten Männerarbeit. Nicht nur auf dem Bau, sondern auch in Fabriken. Und die Fabriken waren auf die Frauen angewiesen, was sie nicht davon abhielt, den Frauen bis zu 60 Prozent weniger Lohn als den Männern zu zahlen.

Denn bis 1957 herrschte noch der Gehorsamkeitsparagraf § 1354 des Bürgerlichen Gesetzbuches über die Frauen:

„Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“ So brauchten die Ehefrauen auch die Erlaubnis ihrer Ehemänner, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollten.

Der Texter und Regisseur der Revue, Carl Gneist, schrieb eine Ballade für die Frauen“ und widmete sie all den Frauen in den heutigen Kriegsgebieten der Erde, die immer den Preis für die Kriege der Männer bezahlen müssen.

Wer sich die ganze Revue : Ballade der Frauen ansehen will, kann das noch am Samstag

  • den 29.10.2011 um 20:00 Uhr im Kulturwerk Wissen und
  • am Samstag den 19.11.2011 im Alten Bahnhof Puderbach machen.

 

Ballade der Frauen

Ich war noch ein Mädchen und träumte von Liebe.

Stattdessen gab es Schreie und Hiebe,

als uns die Russen im Keller entdeckten,

in dem wir uns vor den Schüssen versteckten.

Sie haben mich auf den Boden geschmissen

und die Beine auseinandergerissen,

ihr Speichel tropfte in mein Gesicht,

…brenne aus mein Licht, brenne aus mein Licht…

Seither bin ich erloschen.

Ich weiß, das klingt sehr abgedroschen,

so wurde ich zur Frau gemacht,

ich hatte mir´s etwas schöner gedacht.

Nach Stunden bin ich weg gekrochen,

hab mich in eine Ecke erbrochen

und beschloss mich zu erheben,

denn Frauen sind fürs Weiterleben…

Refrain

Lange hatten die Männer mit dem End-Sieg geprahlt,

den Preis haben am Schluss wir Frauen gezahlt.

So ist es nach allen Kriegen:

die Frauen müssen unten liegen…

Dann schweigen wir und müssen doch für alles grade stehen,

das Leben muss ja weiter gehen,

als wäre nichts geschehn!

Wir haben die Steine aufeinander geschichtet,

die Seelen unserer Kinder aufgerichtet,

haben die Trümmer weg geräumt,

die Lumpenkleider um und um gesäumt

sind tagelang zum Hamstern durch das Land gefahren,

haben gehandelt, gefeilscht, gebettelt um Waren,

um Milch für die Kinder, ein Stück Wurst und Butter

gaben wir den Goldring unserer Mutter,

gab´s Schokolade für die Kinder und ´ne Stange Zigaretten

gingen wir auch mit in Besatzer-Betten.

Wir pfiffen auf die alte Moral,

nach dem großen Morden war uns das egal.

Es ging nur noch ums Überleben.

Wer konnte sich über uns erheben?

Refrain:

Lange hatten die Männer mit dem End-Sieg geprahlt,

den Preis haben am Schluss wir Frauen gezahlt.

So ist es nach allen Kriegen:

die Frauen müssen unten liegen…

Wir sind aus den Betten der Sieger gestiegen,

als kämen wir, die Frauen, vom Siegen.

Dann schwiegen wir und mussten wieder aufrecht stehen,

das Leben sollte weiter gehen

als wäre nichts geschehn!

Immer wieder sich erheben!

Denn Frauen sind fürs Weiterleben!

Wir kriegten Typhus, Tripper und Diphterie,

wir haben´s überstanden, fragt uns nicht wie!

Dann spuckten die Lager die Häftlinge aus!

Gebrochen kamen die Männer nach Haus.

Nach Zwangsarbeit in jahrelanger Haft

war nichts mehr übrig von Leidenschaft.

Sie wollten nur noch Ruhe und Erbarmen,

nachts heulten sie in unsren Armen.

Kaum hatten wir sie gesund gepflegt,

haben sie uns wieder mal reingelegt.

Wir wurden aus der Arbeitswelt verdrängt

und in die Mutti-Existenz gezwängt.

Das kannten wir noch  aus der Nazi-Zeit,

Mutterkreuze am züchtigen Zierkittel-Kleid.

Im Krieg da haben wir alles gemacht!

In Lazaretten an den Betten der Verwundeten gewacht,

haben Patronen gedreht, Uniformen genäht,

Traktoren gesteuert, die Öfen befeuert,

Böden gescheuert, Kohlen geschleppt,

Winterkleidung für die Ostarmee gesteppt,

Lokomotiven gelenkt, uns beim Stahlkochen die Haut versengt,

haben Kinder geboren und den Mut nicht verloren.

Das Wirtschaftswunder aber brauchte uns nicht!

Brenne aus mein Licht, brenne aus mein Licht…

Refrain:

So ist es nach allen Kriegen:

wir Frauen müssen unten liegen.

Kommen die Krieger aus der Schlacht zurück,

ist plötzlich wieder der Herd unser Glück.

Dann gehören wir wieder zu den Kindern ins Haus,

der Mann zieht ins Berufsleben raus.

Dann schweigen wir, als wäre nichts geschehn,

das Leben muss doch weiter gehn…

Millionen Männer liegen irgendwo, zerfetzt, erschossen,

Wie viele Ströme von Tränen haben wir vergossen.

Und viele von uns sind allein versauert,

haben Jahrzehnte um den Liebsten getrauert,

wurden einmal im Fronturlaub von ihm geküsst,

dann war er für alle Zeiten vermisst,

haben jede Nacht um ein Zeichen gefleht,

bis in den Schlaf an seinem Ring gedreht.

Refrain:

So ist es nach allen Kriegen:

so viele Frauen müssen einsam liegen

und müssen jeden Morgen sich erheben,

denn Frauen sind doch da fürs Leben!

Und das muss weitergehn,

als wäre nichts geschehn